Some Words about Reinhard Wimmer

Der Bannstrahl der Erkenntnis kann einen überall treffen. Reinhard Wimmer hat's 1992 am Kickertisch erwischt. Maceo Parker's "Live on Planet Groove" durchfuhr in bis ins Mark und markierte einen Wendepunkt in seinem Leben. Es ist nicht überliefert, ob er am Soccertable den Sieg davontrug, aber eine Tatsache, daß von diesem Tag an alles anders war.Rückblende. Süddeutschland. Niederbayern. Kreis Pfarrkirchen. Wurmannsquick: ein Dorf mit ein paar Hundert Einwohnern. Ländliches Idyll und popkulturelle Wüste. Hier erblickt Reinhard Wimmer 1972 das Licht der Welt. Lange Zeit sieht alles nach einer für diese Gegend ganz normalen Sozialisation aus: Ministrant, Mittelstürmer im örtlichen Fußballverein und fest eingebunden in das land- und forstwirtschaftlich geprägte Millieu am Rande des Bayerischen Waldes. Obwohl: von den nicht gerade urban zu nennenden Erlebniswelten solcher Tanztempel wie "Malibu", "Fun" oder "Rock Hard" war Reinhard Wimmer schon vor jenem denkwürdigen Tablesoccer angeödet. Aber erst danach begann sich alles zu verändern. Begann er alles zu verändern.Erst mal angefixt, wurde Reinhard Wimmer in kürzester Zeit süchtig. Die Acid Jazz Welle schwappte gerade aus London herüber und "Reini" tauchte tief ein. Schlaghose und Ziegenbart waren Pflicht und die Suche nach raren Jazz- und Funk-Platten wurde zur Besessenheit. Nachdem alle einschlägigen Läden in München und Restbayern abgeklappert waren, wurden Internet und Plattenbörsen durchforstet. Reinhard hatte mittlerweile vom einige Jahre älteren Tom Kreidl musikalische Nachhilfe bekommen und sich über dessen gigantische Sammlung mehr und mehr HipHop und Funk erschlossen. Die Kreise begannen sich zu schließen. Und da nichts langweiliger ist, als seinen coolen Shit alleine anzuhören, spielte er seine Platten erst Freunden und dann einer stetig wachsenden Gemeinde von Soul-Sistas und -Brothas vor.Zuhause wurde es langsam eng und so wurden die ersten Partys - meist in den Jugendzentren der umliegenden Kleinstädte - gestartet. Zunächst strictly Retro erweiterte sich das musikalische Spektrum schnell in Richtung Latin/Brasil und progressive Stuff von damals wegweisenden Soundschmieden wie Clean, Mo Wax oder Ninja Tune. Die Party-Crowds waren auf mehrere hundert Leute angewachsen und neue, größere Locations mußten her. Inzwischen hatte er seine bürgerliche Existenz aufgegeben und war zum Vinyl-Junkie mutiert. Das Wohnzimmer wurde von überflüssigen Möbeln befreit und zum Plattenladen umfunktioniert. Jeden Sonntag-Nachmittag, wenn die normale Bevölkerung nach Gottesdienst & Frühschoppen auf dem Fußball-Platz weilte, wurde dort ein schwunghafter Handel mit obskuren Rare Groove-, Funk- und Jazz-Scheiben betrieben. Die Sammler pilgerten aus Österreich, der Schweiz und ganz Deutschland in's idyllische Niederbayern. "Manchmal stand ich bis morgens um 5 hinter den 1210ern, um direkt von der Party 350 km auf die nächste Plattenbörse zu fahren", erinnert sich der 30jährige mit selbstironischem Lächeln.Bei einem von ihm veranstalteten Showcase im naheliegenden Burghausen lernte er 1994 Michael Reinboth kennen, der gerade sein Compost-Label gegründet hatte und beharrlich gegen alle Widerstände sein eigenes Ding machte. Ob es musikalische Geistesverwandtschaft, die beiderseitige Liebe zum Fußball oder die sprichwörtliche bayerische Dickschädeligkeit war. Seit jenem Abend war "Reini" von dem Gedanken beseelt, in der subkulturellen Dispora (s)einen eigenen "Planet Groove" zu verwirklichen. Aus der fixen Idee reifte ein konkreter Plan, als er ein halbes Jahr später auf Marcus Hacker traf. Noch so ein Vinyl-Freak und Jazz-Nerd mit Connections in die Sammler-Szene. 1995 gründeten die beiden das Spinning Wheel DJ-Team.Kurz darauf erwuchs aus dem DJ-Team das gleichnamige Label. Bereits die ersten Releases machten sich international in einem kleinen Zirkel untereinander in Kontakt stehender DJs und Produzenten einen Namen und hatte schnell den Ruf eines Insider-Dings, daß zwar keine gigantischen Verkaufszahlen erreichte, aber durch strenge innovative musikalische Selektion bei vielen sogenannten Multiplikatoren hoch im Kurs stand (und steht): DJ Shadow, Domu, Jazzanova, M. Reinboth, Rainer Trüby, Ian Simmonds, Enrico "Volcov" Crivellareo, Nicola Conte oder Kruder & Dorfmeister sind nicht die schlechteste Referenz.1997 eröffneten Wimmer/Hacker den Spinning Wheel-Record-Store. In einem unscheinbaren Büro- und Wohnhaus hinter'm Pfarrkirchener Bahnhof. Zur Eröffnungsparty in einem in direkter Nachbarschaft liegenden, ehemaligen Pornokino legten Jazzanova, BTO Spider und Hacker/Wimmer themself auf. Die Party toppte alles bisher dagewesene und die Spinning Wheel Showcases wurden vom regionalen Ereignis zum überregionalen Geheimtipp. In München galt es als schick, sich in's Auto zu setzten und 70 km ins Hinterland zu fahren, um sich zu eklektischen DJ-Sets aus Rare Groove, Funk, Jazz, Deephouse, HipHop, Drum'n'Bass und Brasil/Latin die Beine verknoten zu lassen.1998 startet Reinhard Wimmer mit seinem langjährigen Freund, Mitstreiter und Barmann Josef Wiesmeier in dem ehemaligen Lichtheater mit schiefen Böden (sic!) den Club Bogaloo. Im ehemaligen Hardcore-Spielsaal entsteht ein in warmen Rot-Tönen gehaltener intimer Floor mit kleiner Bar und schlüpfriger Puff-Atmosphäre, während sich im ersten Stock der Main-Floor mit Live-Bühne und Cocktail-Lounge befindet. "Reini" nutzt seine Kontakte und besitzt die Hybris die internationale Szene in die bayerische Provinz einzuladen. Was zunächst nach einem sicheren Weg in die Pleite klang, wird in kürzester Zeit ein großer Erfolg. Die Creme de la Creme der weltweiten Freestyle-Szene feierte mit einem stylish unversnobten Publikum knisternde Parties bis in die frühen Morgenstunden.Die Medien waren gerade dabei, auf einen vermeindlichen Hype, dem sie den Namen Nu Jazz gaben, abzufahren und Pfarrkirchen/Club Bogaloo/Spinning Wheel plötzlich in aller Munde. Reinhard Wimmer produziert(e) für den MDR jeden Monat die Spinning Wheel Radioshow und legte in Österreich, der Schweiz, Skandinavien, Portugal und ganz Deutschland auf. Längst schmiedete man im Studio von Label-Mitstreiter Thomas Aichberger selbst Tracks und die eh schon fließenden Grenzen zwischen Retro und Progressive Sounds schmolzen weiter dahin. Vor allen Dingen der zum Wiener DJ-Urgestein gehörende BTO Spider (übrigens eine Spinning Wheel Artist der ersten Stunde) stand für diese Entwicklung.Bis zum Millenium und ein Jahr danach schwamm Reinhard Wimmer wie soviele andere ganz oben auf der Nu Jazz-Welle, obwohl er - wie viele seiner musikalischen Weggefährten - mit dieser Begrifflichkeit nie glücklich war. "Reini" war zu sehr Musik-Liebhaber um sich unter diesem Etikett ausverkaufen zu lassen. Er zog es vor "deep and real" zu bleiben. Nicht umsonst enstand mit der ersten exklusiv zusammengestellten Club Bogaloo-Compilation der Slogan "Unlimited Freestyle Out Of Nowhere". Die Compilation wurde in der Fachpresse bejubelt und verkaufte sich über 5000 mal. "Freestyle sind für mich die musikalischen Welten, die entstehen, wenn klassische Genres "schwarzer" Musik wie Jazz, Boogie, Latin, Funk, Soul und Reggae mit postmodernen Clubsounds (HipHop, D'n'B, Broken Beats, Techno, Downbeat, 2step) und den Techniken des DJ-ing amalgamisieren", grenzte sich Reinhard Wimmer schon 2000 gegenüber cheesiger Baukastenmuzak oder Kommerz-Latin mit D'n'B-Sprenklern ab.Und so wird rechtzeitig zum fünfjährigen Jubiläum wieder Vollgas gegegeben in Pfarrkirchen. Der Geburtstag des Clubs wird mit dem zweiten Teil der "Club Bogaloo" Compilation gefeiert und wieder steuerten die DJs, die in den letzten zwei Jahren im Club gastierten, exklusiv für die Compilation einen Track bei. Max Fresh bringt es in seinem Intro auf den Punkt: "Can you talk about, how it feels playing such funky and out there music. Do you just loose yourself in the music or do you stay focused in the present moment? We're allways gonna groove, we're always gonna play our free styles!? - Reinhard Wimmer hat das auf sein Trommelfell tätowiert. Während die Fachpresse gerade den Tod von Nu Jazz diskutiert (siehe Jazz Thing April/Mai 03) ist Reinhard Wimmer wieder unterwegs, um die Welt mit "deep real Shit" zu missionieren. Der Ex-Ministrant kann halt nicht aus seiner Haut: "Nur sehe ich das alles jetzt nicht mehr so verbissen!" - Gut so, denn von religiösen Fundamentalisten mit apodiktischem Führungsanspruch haben wir doch alle die Schnauze voll, oder?!Don't make war - Make This Planet Groovin'!words by akö