info : 02/2000

foto: computerjockeys

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INFORMATION

In populärwissenschaftlichen TV-Sendungen wird immer häufiger vom intelligenten Haus geraunt: ein Haus, das vollständig mit seinen Bewohnern vernetzt ist und sich selbst organisieren kann. Wenn es dieses Haus endlich gibt, werden im Entree die Computerjockeys auf ihren intelligenten Sesseln sitzen und uns den Empfangsmarsch blasen. Sie haben nämlich schon an den Soundtrack für die Zukunft gedacht und daran gearbeitet, als alle anderen noch mit ihren zwei Turntables spielten. Über diese Entwicklungsstufe jedoch sind die Computerjockeys Digital Jockey und Wolfgang Hagedorn längst hinaus:
sie machen Musik auf zwei PCs...

Die beiden in Köln und Dortmund lebenden gebürtigen Ostwestfalen, in den angesagten Clubs und auf bedeutenden Elektronik-Festivals beileibe keine Unbekannten, betreiben mit ihrer speziellen Herangehensweise nicht mehr und nicht weniger als einen musikkulturellen Paradigmenwechsel. Sie gelangen mit ihren Trax (eigene und verblüffende Remixe) in die Clubs, schalten aber die Hürde "Vinyl" und damit die Industrie aus. Mit dieser subversiven Bypass-Strategie nehmen die Computerjockeys vorweg, was bald Usus sein dürfte: Kids setzen nicht die erste Klampfe oder das erste Billigkeyboard an den Anfang ihrer Musikerkarriere, sondern PC oder Laptop, um darauf ihre eigenen Soundz zu machen - unabhängig vom Top 100-Geschäft.

Natürlich haben die Computerjockeys nicht das geringste gegen Hits und Hooklines, nicht einmal gegen Gitarrensamples. Die können nämlich durchaus cool klingen, und deshalb machen sie selbst regen Gebrauch davon. Aber wer das Duo einmal live bei seinen bis zu sechsstündigen Sets mit 2 PCs plus Mehrspur-Software erlebt hat, wird wissen, dass ihnen das nicht reicht. Da ist mehr. Und das hört man auch ihrem Album-Debüt auf Harvest an. Beschränkung gilt hier als Fremdwort, hier paaren sich Freestyle Beatz mit sexy Geflüster, werden schlitzohrig Asiatica geplündert, mutiert der dampfprustende Choo-Choo-Train zum topmodernen ICE mit Sitzheizung.

Tanzen? Klar. Zuhören? Na gerne. Entdecken? Unbedingt. Lernen? Definitiv. Denn diese Musik zwischen Abstract Rock, Downbeat Pop und Fast Forward Electronic macht etwas mit dem Hörer. Greift und saugt ihn an, mangelt ihn durch und beamt ihn fort, in den Dschungel, den Weltraum, ins ewige Eis, in ein virtuelles Loch. Allein schon die lautmalerischen Titel, die wie Titel abstrakter Gemälde klingen, oszillieren zwischen Jungenabenteuer und Männerfantasie, TV-Vierteiler und der Hoffnung auf fernöstliche Erleuchtung:
"Huckleberry Finn" und "Baby Blue", "Kimono", "Shaolin" und "Inschallah". Erste Single wird das kickende "Pingpong" sein, eigentlich ein würdiges "Sportstudio"-Thema. Ein Dutzend höchstens anderthalbminütiger Soundvignetten zwischen den elf Haupttiteln geben dem Album ein Rückgrat.
Zusammen macht das 23 Trax - natürlich eine magische Zahl, nicht nur auf Adventskalendern, weil morgen das große Türchen aufgemacht wird.

Nach drei Jahren Computerjockeys-History ist das erste Album definitiv ein Höhepunkt - doch beileibe nicht der erste und einzige. Neben einer Fülle eigener und Coop-Maxis, Beiträgen zu wichtigen Compilations und Remix-Aufträgen aus der deutschen Elektronik-Szene, darunter von den Labelkollegen Air Liquide (siehe Discografie) besticht vor allem die Hochkarätigkeit ihrer Live-Auftritte (siehe Live-Liste) und das breite stilistische Spektrum, das ihnen internationale Remix-Anfragen abverlangen. Das Angebot, Tracks des neuen Beck Albums zu remixen, wie es die Gas Company New York (Management von Beastie Boys, Sonic Youth, Beck etc.) wünscht, ist mit Sicherheit eine renommierte Angelegenheit. Aber dazu den jazzy groovenden Westcoast-Sound von Steely Dan (nämlich "Peg" vom "Asia"-Album) oder den dumpf-schleichenden Frühachtziger-Indiedisco-Knaller "Faith Healer" der Bollock Brothers - das sind Schuhe, in denen wahrhaftig nicht jeder tanzen kann.

 

Digital Jockey

Okkupierte mit 13 Jahren das Tonband seines Vaters, um damit nach 22 Uhr heimlich englische und holländische Sender mitzuschneiden, weil nur dort die coole Musik spielte. Über die Jahre hinweg fiel ihm immer wieder auf, dass in manchen Tracks ein, zwei Takte oder Breaks vorkamen, die wunderschön oder irgendwie interessant waren. Und jedesmal sagte er sich: "Oh Mann, wieso habt ihr Typen das nicht länger aufgenommen? Wieso habt ihr den Break nicht zur zweiten Strophe gemacht?" Teilweise spulte er dann immer wieder auf die besagten Stellen und wiederholte die geliebten zwei Takte endlos, bis ihm die Finger wehtaten. Dann kamen die ersten Sampler und ermöglichten die ersten Loops, besonders in Hip-Hop-Trax. Doch eine Frage blieb offen: Wieso immer die offensichtlichen Sachen? Aber zu jenem Zeitpunkt waren Sampler noch unerschwinglich. Das änderte sich jedoch schlagartig, als die ersten Soundkarten und die dazu passende Software auf den Markt kam. Digital Jockey schlug zu und bestückte seinen PC damit.

Als er seinen ersten Track fertig hatte, war nichts mehr wie es war. Schön, da gab es die Zeiten, in denen er Jazz gemacht und vier Instrumente gespielt hatte: Kontrabass, Trompete, Saxofon, Gitarre. Vorbei! Nie wieder in Proberäumen mit Schlagzeugern herumärgern, die immer lauter wurden, oder mit Bassisten, denen man sagen musste, welches Intervall sie zu spielen hatten. Jetzt konnte er selber die Band sein - das war's! Digital Jockey, übrigens Magister der Philosophie, der Medientheorie bei Friedrich Kittler studierte, stellte seine Instrumente in die Ecke, schnappte sich seine Platten und Tapes und sampelte all die kleinen Takte, die ihn seit jeher begeisterten. Der eigenen Kreativität waren keine Grenzen mehr gesetzt.

Digital Jockey plädiert für Klassenfahrten, Lagerfeuer, Schulfeten, Bergfeste mit Laptops, Bars und Flipperstuben mit Computerjockeys.

 

Wolfgang Hagedorn

Begann mit 4 Jahren Gitarre zu lernen und komponierte schon bald die ersten eigenen Stücke. Es folgte noch ein wenig Klavier, bevor er dann 1986 seine erste Band gründete und sich dem Punk zuwandte. Vor allem beeinflusst durch die Wipers und Hüsker Dü, änderten sich seine musikalischen Interessen erst wieder 1988/89, als er Hip Hop und vor allem De La Soul für sich entdeckte.
Besonders ihre Art und Weise zu sampeln legte den Grundstein für die spätere musikalische Entwicklung von Hagedorn, der ja eigentlich Comiczeichner werden wollte, diesen Gedanken jedoch schnell wieder zugunsten der Musik aufgab.

Zunächst aber folgten weitere Exkursionen in Richtung Punk/Noise/Grunge und mündeten schliesslich in der Gründung der HiFi-Killers, die sich besonders durch ihre furiosen Live-Auftritte einen Namen machten. Nach der Veröffentlichung der ersten Platte und zwei völlig chaotischen Touren durch Kanada begann er sich jedoch zunehmend für elektronische Musik zu interessieren, wobei seine Vorliebe für Gitarrenmusik kontinuierlich abnahm.

1995 war es dann soweit. Die Demonstration eines einfachen Mixes durch Digital Jockey überzeugte. Dies war die beste Art Musik zu machen. Er kaufte sich einen Computer, und die Zusammenarbeit von Hagedorn und Digital Jockey nahm ihren Anfang. Ein Jahr später präsentierten sich die Computerjockeys dann zum ersten mal live. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.